Screenshot der Kurier-Webseite - man sieht den Kurier-Banner oben und den Verfasser des Artikels, einen jungen Mann mit blonden Haaren, der sich mit Speedreading beschäftigt

Auf der literarischen Überholspur

(Von Philipp Hacker/ Kurier/ 28.Juni 2008)

Kann man mit Speed Reading sein Lesetempo binnen zwei Tagen verdreifachen? Der Selbsttest zeigt: Man kann.

Ich lerne lesen. Zum zweiten Mal. Beim ersten Mal hat das schon ganz gut funktioniert: Die Schriftzeichen der deutschen Sprache sind mir geläufig, größere Ansammlungen in Buchform nicht fremd. Ich lerne trotzdem noch einmal lesen: Schnell lesen, speed reading, umgenau zu sein. Ein erster Lese-Test bestimmt mein „normales“ Tempo: 212 Wörter pro Minute, ordentlicher Durchschnitt. In zwei Mal vier Stunden soll sich das verdrei- bis vierfachen. Was ich dazu tun muss? Vergessen, wie ich bislang gelesen habe.

Rhythmus

Erster Schritt zum Schnellleser: eine Zeigehilfe verwenden. Mein Werkzeug, ein Kugelschreiber, bei anderen Seminarteilnehmern Lineale oder ein Blatt Papier, ist so simpel wie wirksam: Keine Zeile geht mehr verloren, kaum ein Wort wird doppelt gelesen. Geht sich auch gar nicht mehr aus. Im Takt des Metronoms beginnt eine neue Zeile – gleich, ob die alte fertig gelesen ist oder nicht. Tack – Stift setzen – lesen. Tack – Stift setzen – lesen. Eine Minute mit dreifacher Zielgeschwindigkeit, zwei mit doppelter Zielgeschwindigkeit, drei mit Zielgeschwindigkeit. Da bleibt zunächst wenig hängen, dann relativ viel und am Schluss das Gefühl, den Text schon drei Mal gelesen zu haben aber noch nie richtig. Tack – Stift setzen – lesen. Die Zeit eignet sich aufgrund ihrer Spaltenbreite (ca. 8 bis 10 Wörter), die sich in ein bis zwei Wortgruppen erfassen lässt, ganz gut. Dass der vierte Speed Drill inhaltlich spurlos an mir vorüber zieht, schiebe ich auf das Thema: Warum der Friedenspreis des deutschen Buchhandels an einen – den falschen! – bildenden Künstler geht hätte sich mir wohl auch bei 10 Wörtern pro Minute nicht erschlossen. Tack – Stift setzen – lesen. Das automatisiert sich so schnell, dass 400 Wörter pro Minute bald und 600 mit der Zeit erträglich wirken. Zweiter Lesetest: 432 Wörter/ Minute – Lesetempo bei Seminarhälfte verdoppelt. Am Ende des zweiten Vier-Stunden-Blocks sind es gut 600 Wörter pro Minute ohne inhaltliche Abstriche.
Mein neuer Rhythmus: Tack – Stift setzen – lesen. Tack – Stift setzen – rückwärts lesen. Die optischen Schlangenlinien sind gewöhnungsbedürftig, aber effizient. Eine Woche mit täglich zehn Minuten Metronom-Training später ist Rückwärtslesen völlig normal und 800 Wörter pro Minute keine Kunst.

Fazit: Speed Reading funktioniert. Genusslesen sieht aber anders aus – und bekommt dank schnell gelesener Fachbücher ab sofort mehr Zeit.

Starthilfe: Wo man zum Schnellleser wird

Speedreading-Trainerin Marion Schultheiss warnt vor Büchern, deren Versprechungen zu gut sind, um wahr sein zu können. „Wenn da steht, Sie können mit dem Buch auf 15.000 oder mehr Wörter pro Minute kommen, lassen Sie besser gleich die Finger davon“, sagt Schultheiss.
Mit gutem Grund: 15.000 wären neuer Weltrekord, und der ist für Amateure definitiv außer Reichweite.Empfehlenswert ist Tony Buzans Buch „Speed Reading: Schneller lesen – Mehr verstehen – Besser behalten“ (Erschienen 2007 im Goldmann Verlag). Wer lieber in der Gruppe zum Tempoleser wird, dem sei ein Zweitages-Seminar ans Herz gelegt:

System: Wo man zum Schnellleser wird

Die Mutation vom alphabetischen Bummelzug zum Leseexpress vollzieht sich in zwei Phasen: Zuerst geht es darum, Lese-Bremsen zu lösen. Ein langsamer Leser – im Durchschnitt können wir 170 bis 200 Worte pro Minute verarbeiten – hat sehr viele Blickkontakte mit der Seite, springt oft zu einzelnen Wörtern zurück und liest die meisten Textzeilen mehrfach. All das lässt sich mit einer simplen Zeigehilfe gut vermeiden. Ein weiterer typischer Lesefehler: „Wir subvokalisieren, lesen uns also die Texte im Kopf leise selbst vor. Die innere Stimme limitiert das Lese- auf das Sprechtempo, das zwischen 200 und 300 Worten pro Minute liegt“, weiß Schultheiss. Auch die „normalen“ Wortgruppen sind zu klein – was Tempo und Textverständnis schadet. In Phase zwei wird am Tempo gearbeitet: Vor allem bei Speed Drills mithilfe eines Metronoms.

Originalartikel ansehen: Kurier_SpeedReading_2_28-06-08

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Auf der literarischen Überholspur